Dorota Terakowska - strona g³ówna


Ob ich an Schutzengel glaube? Eine schwierige Frage in Zeiten des kalten Rationalismus. Als Mutter von zwei Kindern möchte ich mit ja antworten, mehr noch - ich wünsche, daß die Kinder unter einem stärkeren als dem elterlichen Schutz stehen mögen.
Wenn man zu Dorota Terakowskas Buch Dort, wo die Engel vom Himmel fallen greift, muß man keine süßliche Engelsgeschichte erwarten. Die Grundhandlung ist einfach: Ewa hat ihren Schutzengel verloren. Das Ereignis bleibt von den Eltern, die sie lieben, unbemerkt, denn sie sind mit sich und ihrer Arbeit beschäftigt. Nur die Großmutter versteht die Einsamkeit des Kindes und fühlt im Unterbewußtsein, daß es eine ernsthafte Gefahr gibt, nicht nur eine zufällige Pechsträhne, aus der das "Kind herauswachsen wird".
Erst als das Mädchen todkrank ist, versteht sie, daß die einzige Rettung darin besteht, den Schutzengel wiederzugewinnen. Die Eltern und die Großmutter helfen mit allen Kräften, werden offen für Änderungen, die früher undenkbar waren. Ob ihre Anstrengungen mit einem Sieg über die tödliche Krankheit belohnt werden?
Die zweite Handlungsebene spielt sich zwischen Ave, Ewaes Schutzengel, und dem Engel der Dunkelheit ab. Er heißt Vea und ist Aves Zwillingsbruder, denn früher hatten sie zusammengehört.
"Die Weißen sind wie die Schwarzen aus dem Licht geboren. Wenn das Licht sie von der Himmelsleiter gestoßen hat, dann nicht nur als Strafe, sondern auch aus Notwendigkeit. Damit sie das Land der Dunkelheit bilden, denn im Dunkeln scheint jedes Licht heller." Die Rolle des schwarzen Engels ist keine dankbare, sie gefällt uns nicht und ihm selbst auch nicht. "So ist unsere Vorsehung im Gefüge von Gut und Böse. Das Licht hat uns nicht deshalb von der Himmelsleiter gestoßen, damit wir das Gute stärken. Es hat es deshalb getan, damit wir ihm ein Gegengewicht bieten, anders hätte das Gute, wenn es nicht ständig auf die Probe gestellt würde, keinen Wert. Aber vielleicht, Bruder, mag ich meine Rolle gar nicht? - krächzte Vea..."
Ein Buch für jeden, der nicht vergessen möchte, was es heißt, das Leben zu lieben und offen für Ungewöhnliches zu sein.

Dort, wo die Engel vom Himmel fallen

Dort, wo die Engel vom Himmel fallen
- Mama! Mama! Es fliegen Engel am Himmel! - rief Ewa, als sie in Mutters Atelier kam. Sie schwankte lustig auf ihren kurzen, ungeschickten Beinchen, und Anna dachte belustigt, daß die Kleine wie ein Entlein läuft. Natürlich wird es sich auswachsen, sie ist doch erst 5...
Sie warf einen kurzen Blick auf die Tochter, lächelte mit nachsichtiger Zärtlichkeit und kehrte zur Arbeit zurück.
- Mama! Mama! Komm! Schnell! Es fliegen Engel am Himmel! Engel! - rief Ewa ungeduldig und zog die Mutter am Rock, versuchte, ihre Hand zu fassen, aber Anna beachtete die Kleine nicht. Konzentriert modellierte sie einen großen Klumpen schnell trocknenden Tones, und war, obwohl sie das schon den zweiten Monat machte, immer noch unzufrieden. Die Plastik erinnerte wenig an die Pieta, die sie sich ertäumte. Diese Pieta - Annas Pieta - sollte anders sein als die klassischen: Die Mutter verzweifelt nicht wegen des Verlustes des Kindes, sondern wegen seines schweren Schicksals. Dieses Kind ist nicht gestorben - es lebt immer noch, aber es leidet. Die Mutter muß also einen tragischen Mund haben, nachdenkliche und unglückliche Augen, ergreifenden Schmerz in den Gesichtszügen. Aber die Züge der Plastik sind immer noch tot, etwas fehlt ihnen. Was denn, zum Teufel?!
Anna tauchte die Hände wieder in den feuchten, klebrigen Ton ein und legte sie auf die eingefallenen Wangen des großen, fremden Kopfes. Und es sollte doch ein vertrautes und nahes Gesicht werden. Sie blinzelte und sah nochmals ihr Werk an. "Wie häßlich!" - dachte sie mit Abneigungen gegen sich und die Welt.
- Mama! Mama! Es fliegen Engel am Himmel! Sie sind gerade über unserem Haus! Komm! Jetzt gleich! - rief das kleine Mädchen und zog Anna am Rocksaum. Sie wünschte sich so sehr, daß Mama sie an die Hand nehmen und mit ihr vor das Haus treten würde, das zu sehen, was sie vor einer Minute erblickt hatte, als sie im Garten gespielt hatte. Aber Mutter schenkte ihr immer noch keine Aufmerksamkeit, war in die Arbeit vertieft.
...vor einer Minute hatte die kleine Ewa die Erde mit Wasser begossen, sie wie Teig geknetet und - es der Mutter gleichtuend - eine Katze daraus formen wollen. Aber die Katze sah nicht aus wie eine Katze. Mit einer Handbewegung zerstörte sie ihr Werk, um wieder von vorn anzufangen - und gerade da hörte sie über sich - zart und fern zugleich - später anwachsend und endlich mächtig - Flügelschlagen. Sie hob den Kopf - und sah Engel. Viele Engel. Sie flogen so hoch, daß man ihre Gesichter nicht unterscheiden konnte, und zugleich tief genug, um ohne Zweifel zu sehen, was die sich zwischen Himmel und Erde erhebenden geflügelten Wesen waren. Keine Vögel, keine Schmetterlinge. Engel.


Aus dem Polnischen von Ulrike Bischof

Kritik

"Ein im Westen modernes, gut in das Klima des New Age komponiertes Thema und die positive Grundhaltung, die im Einklang steht mit ökologischen Strömungen, einem neuen Franziskanismus und anderen ähnlichen Erscheinungen, die für das Ende unseres Jahrhunderts typisch sind. In erzählerischer Hinsicht ist der Roman äußerst geschickt konstruiert, handwerklich bravourös, an manchen Stellen läßt er wirklich den Atem stocken."

Teresa Walas



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