Dorota Terakowska - strona g³ówna


Mich interessiert die Entstehung Ihrer Jugendliteratur. Woher rührt bei einer ausgebildeten Journalistin, die sich einen Namen gemacht und viel vorzuweisen hat, die Lust auf Veränderung, auf einen Sprung in das Erzählen und die Hinwendung an ein junges Publikum?

DT: Als ich ein Kind war, habe ich auf die Frage, was ich werden möchte, geantwortet: Schriftstellerin. Meine ersten literarischen Gehversuche sind in der Schule entstanden. Das waren nie Gedichte, immer Prosa, wenn auch bisweilen eine lyrische Prosa. Als Studentin habe ich in einem Radiowettbewerb für eine Kindersendung einen Preis gewonnen. Den ersten Platz belegte Brzechwa, den dritten ich, eine Debütantin. Warum ausgerechnet für Kinder? Ich war zwar Studentin, aber ich verehrte immer noch Puh der Bär, Den Kleinen Prinzen, Alice... Das ist bis heute so geblieben. Immer noch als dieselbe Studentin, las ich zum ersten Mal Tolkiens Herr der Ringe und war hingerissen von dem Buch. Mich überraschte, daß es eine Literatur geben konnte, die Kinder wie Erwachsene faszinierte. Danach, viel später, entdeckte ich Ursula Le Guin. Damals dachte ich, wenn ich jemals ein "ernsthaftes Buch" schreiben würde, dann wollte ich, daß das ein Literaturgenre ähnlich dem, was Tolkien und Le Guin schrieben, sei. Aber das waren nur Träumereien. Ihre Verwirklichung erschien mir unmöglich. Selbst erschien ich mir zu klein, zu untalentiert.

Seit dem Roman Der Herrscher des Lewaws gehören Sie zu den Fantasy-Autoren. Das ist gleichzeitig - wenn man so will - ein politisches Buch, voll polnischer Symbole und Bezugnahmen auf die totalitäre Unterdrückung in unserer damaligen Gesellschaft. Haben Sie jemals von den Reaktionen junger Leser auf diese Symbolik erfahren? Bei Autorenlesungen oder anderen Kontakten mit der Jugend? Und schließlich - ist dieses Buch wirklich in die Schule gelangt? Welches Verhältnis haben die Lehrer zu dem Buch?

D.T: Der Herrscher des Lewaws gehört zur Schullektüre, denn-so erzählte es mir später telefonisch die mir unbekannte Dozentin Agnieszka K³akówna - die Kinder konnten anhand dieses Buchs verblüffend leicht das Gute und das Böse definieren, darüber hinaus im Kontext der Zeitgeschichte. Bis heute laden mich Lehrer in ihre Klassen ein, mit denen sie gerade den Herrscher durchnehmen. Die Kinder schreiben verblüffende Aufsätze, auf die Frage "Mit wem würdest du den «Unbenannten» vergleichen?" antworten sie: Hitler, Stalin, Ceaucescu. Am Beispiel der Herrschaft des Unbenannten erklären sie, was für sie Totalitarismus bedeutet. Zu meiner Bestürzung führt das Märchenbuch ein stürmisches politisches Leben - natürlich erst ab etwa der 6. Klasse - und diente zur Beschreibung der kommunistischen Systeme in Osteuropa. Manche Lehrerinnen machten mit ihren Schülern auch Klassenausflüge durch Krakau "auf den Spuren Barteks" (und nicht - wie früher- Lenins). Die Kinder ergänzen auch eigene, heitere oder traurige Schlußerzählungen. Vor kurzem besuchte mich eine Dorflehrerin, die ihre Magisterarbeit eben über die ungewöhnlich lebendige Reaktion auf den Herrscher des Lewaws schreibt, diesmal bei Dorfkindern. Die Rezeption des Herrschers überrascht mich, und ein besonderes Abenteuer für eine Verfasserin ist das zweite Leben des eigenen Buchs, das die Absichten der Autorin weit überschritten hat.

Die Hexentochter, ein Buch, das gerade vom IBBY ausgezeichnet wurde, wird, wenigstens durch den Buchumschlag, dem Genre der Fantasy zugeschlagen?

D.T: Mir scheint, daß ich nicht zufällig Märchen schreibe und mich dieses Literaturgenre fasziniert. Ich glaube an eine besondere Art einer allgegenwärtigen Magie, an das Schicksal, das Fatum, daran daß, wenn das Schicksal einem Menschen mit der einen Hand gibt, z.B. die Idee für ein Buch und die Kraft, es zu schreiben, dann nimmt es etwas mit der anderen. Deshalb schreibe ich niemals ein glückliches Ende, die sog. Happy Ends gibt es für mich nicht. Ich weiß, daß man für jeden Moment des Glücks - im Leben wie im Märchen - mit einem Augenblick der Bitternis bezahlt. Es gibt hier kein fröhliches und etwas gedankenloses Ende. Und immer - das glaube ich - muß der Autor markieren, daß er weiß, daß gerade hier seine Geschichte zu Ende ist, das Leben aber weiter geht. Das beste glückliche Ende in meinen Manuskripten ist ein Fragezeichen: Vielleicht gelingt es...? Vielleicht aber auch nicht?
Tolkien war sehr verärgert, als wirklich alle Kritiker ihm einreden wollten, sein Mordor sei die UdSSR. Er hielt entgegen, er habe ein zeitloses Märchen geschrieben. Auch ich bin der Ansicht, daß ich zeitlose Märchen schreibe, ohne unmittelbare politische Anspielungen. Gleichzeitig weiß ich aber, daß ich in ihnen ganz sicher meinen polnischen Obsessionen Ausdruck verleihe, besonders weil alle meine Bücher in den bedeutungsschwangeren achtziger Jahren entstanden sind. Es war für mich also schwer, Anspielungen auf das System, das Polen knechtete, zu entgehen. Gleichzeitig verleihe ich in allen meinen Büchern einerzweiten polnischen Obsession Ausdruck: Das Böse auf moralischer, im engen Sinne politischer Ebene verbinde ich gleichzeitig mit der Verletzung der Natur. Die Verfolger in D»e Hexentochter, der Unbenannte im Herrscher und die schwarzen Magier in Der Spiegel des Herrn Gryms fügen Menschen und Erde Unrecht zu. Gleichzeitig verfolgen mich die polnischen Obsessionen der Knechtschaft und Freiheit, der Zerstörung der Erde und ihrer Rettung. Sicher sind sie stärker als bei Ursula Le Guin, die in einem anderen Europa lebt. Und das wäre das polnische Motiv in der mir so vertrauten keltischen Mythologie. Aber ich meide auch polnische Handlungsfäden nicht - wie in Der Herrscher des Lewaws, denn schließlich ist Lewaw ein Anagramm zu Wawel.
Meine ersten Bücher konnte ich wegen des Kriegszustands erst nach dem Runden Tisch publizieren. Denn es stellte sich heraus, daß ein Märchen im allgemeinen unzensierbar ist. Jeder Märchen-"Verfolger" war für die Zensoren ein Rotarmist, jeder totalitäre Herrscher Stalin, jede Knechtschaft das berühmte System des Blocks "sozialistischer Bruderstaaten". Es fehlte nur wenig, und Rotkäppchen hätte die falsche Farbe der Kopfbedeckung gehabt. Das darf nicht verwundern, denn z.B. verboten die Alliierten den Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg auch, die Märchen der Brüder Grimm zu verlegen, die sie zu "Wurzeln der nationalsozialistischen Ideologie" erklärten. Ein aufmerksamer Zensor kann in einem Märchen ausfindig machen, was er nur will.
Ich hatte auch einen Zensor in mir selbst, in meinem Inneren, wenn auch einen völlig anderen, und dazu habe ich davon überhaupt nichts gewußt: Mein Zensor war unpolitisch, er war literarischer Natur und setzte mir halsstarrig Grenzen, in denen ich mich zu bewegen hatte. Jedes Prosagenre hat irgendwelche Grenzen und Merkmale, durch die es genau diese Gattung darstellt. Theoretisch hat auch das Märchen solche Gattungsmerkmale. Ich hatte keine Ahnung, daß ein gutes, relativ originelles Schreiben, insbesondere beim Märchen auf der Überschreitung aller Grenzen und dem Bruch aller Prinzipien beruht. Das Wunderbare des Märchens beruht unter anderem auf der Magie, auf den Wundem - und Wunder sind Abweichungen von der Regel. Als Schriftstellerin betrat ich das unermeßliche Reich des Märchens sehr verschreckt, unbeweglich und klein. Ich suchte fertige Vorbilder, ich hatte nicht den Mut, eigene zu erfinden.

Dennoch haben Ihre Bücher eine einzigartige Atmosphäre, eine eigene Botschaft, die sehr spürbar mit den Dilemmata unserer Welt verbunden ist. Über diese Dilemmata schreiben Sie in der Form des Märchens.

D.T: Im Märchen löst man am besten nichts auf. Das Märchen ist Vieldeutigkeit. Das Märchen ist eine Vielzahl von Schlüssen wie auch das Fehlen eines Schlusses. Das einzige authentische perpetuum mobile. Vor kurzem habe ich die Arbeit an dem Roman Die Einsamkeit der Götter abgeschlossen, in der es nicht nur eine Vielfalt der Welten, eine Fülle von unlösbaren Geheimnissen gibt, sondern zudem auch die Zeit frei in alle möglichen Richtungen fließt. Ich habe verstanden, in der ganzen Breite der Bedeutung, wo die Welt des Märchens liegt: überall, auch im Menschen, in seinem Inneren. Immer öfter denke ich, daß die menschliche Seele eigentlich ein Märchen ist. Ich habe verstanden, daß es das Märchen dafür gibt, daß das Unmögliche möglich wird - und umgekehrt. Und daß der Tag, an dem die Gelehrten alle Rätsel unserer Welt gelöst haben werden, zugleich das Ende des Märchens sein wird. Aber ich weiß, daß dieser Tag niemals kommen wird.


Entstanden auf der Grundlage von Interviews Dorota Terakowskas
für die Kinderliteraturzeitschrift "Guliwer" 1993, Nr. 3 und 1998, Nr. 2.


Poprzednia strona